Unfruchtbares Ödland Seele


21.06.2006 / LOKALAUSGABE / DINSLAKEN
DRAMA / Jörg M. Detmold hat sich und der Theater AG des Gymnasiums Voerde Garci?a Lorcas Drama "Yerma" angenommen. VOERDE. "Die Olivenbäume sind beladen mit Schreien. Ein Schwarm gefangener Vögel..." Das Bild aus Federico García Lorcas Gedicht "Paiasaje" könnte auch dessen Drama "Yerma" entstammen. Menschen, gefangen in der geistigen Enge des Landes, verhaftet in archaischen Rollenmodellen. Manchmal schimmert die Freiheit wie Licht durch ein Gitternetz, doch die Angst vor den Wunden, die die Flucht schlagen würde, ist zu groß. Argwöhnisch wie Krähen beäugen die Landbewohner jeden, der unter ihnen unruhig im Netz zappelt. "Yerma", ein Drama um Liebe, Konventionen und unerfüllte Wünsche, die das Jetzt zerstören. Kein leichter Stoff, den Jörg M. Detmold seit vorgestern mit der Theater AG des Gymnasiums auf die Bühne der Aula im Schulzentrum Nord stellt, alle Beteiligten - die Nennung aller Namen sprengte den Rahmen - meistern ihre Aufgabe mit Bravour. Eine Frage der Ehre

Yerma (Magdalena Lesinski) versucht, ihre Verheiratung mit dem verstockten, auf materielle Werte ausgerichteten Juan (Fabian Sandelmann) anzunehmen. All ihre Bedürfnisse projiziert sie auf einen Sohn, doch sie bleibt kinderlos, ihr Wunsch eine Utopie, die sie zunehmend aushöhlt. Einem anderen Mann (Nick Ziaja als Victor) versagt sie sich. Eine Frage der Ehre. Und die dominiert das ländliche Spanien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Ein Blick, ein Wort, ein unbewachter Schritt zum Brunnen, die Wäscherinnen zerreißen sich die Mäuler. Das Crescendo ihrer litaneiartig wiederholten Norm-Bekenntnisse und Gehässigkeiten mündet in der Kakophonie. Einer der beeindruckendsten Momente einer Inszenierung, in der Stille wie Schreie schwer auf dem Publikum lasten. Die Mitglieder des Orchesters des GV (Musikalische Leitung: Robert Kamlage) sind über alle Ecken der völlig abgedunkelten Aula verteilt, bauen Klangkulissen in einer Schwärze, die alles überschattet. Hilfe im Okkulten

Yermas Leben wird zur Hölle. Während Juan immer weiter in seine Felder flieht, zieht er die häuslichen Fesseln enger. Holt seine Schwestern ins Haus, verbirgt sein eigenes Versagen hinter dem Schutz der Ehre. Yerma verschließt sich zunehmend dem Leben, wendet sich von der Freundin und mehrfachen Mutter Maria (Nele Jung) ab, sucht Hilfe im Okkulten, schließlich in der Religion. Im Wallfahrtsort, wo unterm Deckmantel der Heiligenverehrung der Kuppelmarkt blüht, enthüllt eine erfahrene Alte (Laura Broß), dass Juan zeugungsunfähig ist. Doch Yerma ist unfruchtbar im Sinne der inneren Leere. Wenn sie Juan erwürgt, so tötet sie ihren Traum. Viel Applaus für eine Inszenierung im Rahmen der Reihe "Wagnis und Weg" der R(h)ein-Kultur-Welt, die zu keinem Moment an Intensität verliert. Für die heutige Aufführung um 19.30 sind noch Karten erhältlich.


BETTINA SCHACK